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Rezension

Stern über Afrika

Die Touristen Juli, François und Michael sind gemeinsam mit ihrem Führer Nango in Kenia unterwegs. Auf der Fahrt vom Nationalpark zu einer Bootstour stoßen sie in freier Wildbahn auf ein Nashorn. Begeistert wollen die Reisenden Fotos machen, doch ihr Fahrer, Joseph Omondi, den ein schweigsamer Junge begleitet, erkennt sofort die Gefahr.

Inhalt

Die Touristen Juli, François und Michael sind gemeinsam mit ihrem Führer Nango in Kenia unterwegs. Auf der Fahrt vom Nationalpark zu einer Bootstour stoßen sie in freier Wildbahn auf ein Nashorn. Begeistert wollen die Reisenden Fotos machen, doch ihr Fahrer, Joseph Omondi, den ein schweigsamer Junge begleitet, erkennt sofort die Gefahr. Als das Nashorn den Pick-up unvermittelt angreift, kommt die Reisegruppe nur dank der Fahrkünste von Joseph mit einem Schrecken und einem geplatzten Reifen davon. Da ein Ersatzreifen fehlt und der nächste Ort vor Einbruch der Dunkelheit zu Fuß nicht mehr erreicht werden kann, ist die Gruppe gezwungen, die Nacht am Straßenrand zu verbringen. Am Lagerfeuer hat Joseph die Idee, einander reihum Geschichten zu erzählen, die ebenso spannend sind wie die zuvor erlebte Flucht vor dem Nashorn. Beim Geschichtenerzählen kommt sich die kleine Schicksalsgemeinschaft näher. François schildert, wie er sich in der Altstadt von Fèz verirrte und von einem kleinen Jungen gerettet wurde. Julis Geschichte, die in Mali spielt, handelt von einem Tuareg-Mädchen, das unbedingt Lesen lernen möchte. Nango erzählt von seinem Abenteuer auf dem Sambesi, Michael von einer rasanten Hasenjagd in Namibia und Akim, der schweigsame Junge, spricht über den Überfall auf sein Dorf und seiner Flucht vor Papa Taylor Amin. Zuletzt ist Joseph an der Reihe, der in seiner Geschichte verrät, wieso ohne seine Tochter Serah, die jeden Morgen neun Kilometer zur Schule rennen musste, um nicht zu spät zu kommen, dieses Abenteuer am Lagerfeuer nicht möglich gewesen wäre.

Kommentar

In „Stern über Afrika“ werden sechs Binnenerzählungen, die in verschiedenen Ländern Afrikas spielen, in die Rahmenhandlung rund um eine Reisegruppe in Kenia eingebettet.

Die Rahmenerzählung schildert die abenteuerliche Begegnung der Gruppe mit und ihre halsbrecherische Flucht vor einem aggressiven Nashorn, die mit einem geplatzten Reifen endet. Gezwungen die Nacht am Straßenrand zu kampieren, kommt sich die unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft beim Geschichtenerzählen am Lagerfeuer näher. Durch das archetypische Beisammensein am Feuer begegnen sich Europäer und Afrikaner auf Augenhöhe; durch das abwechselnde Erzählen erhält jedes Mitglied der Reisegemeinschaft eine Stimme, wird zum gleichberechtigten Erzähler und gewährt Einblick in seine Lebenswelt. Geschickt verwenden Lemanczyk und TINO in ihrem Buch das Leitmotiv eines Sterns, der besonders hell am kenianischen Nachthimmel leuchtet und der in jeder erzählten Geschichte erwähnt wird. Durch dieses erzählerische Mittel verknüpfen die Autoren nicht nur die Binnenerzählungen miteinander. Sie zeigen damit einerseits auch, dass die Erzählenden auf elementare Weise in Verbindung stehen. Denn obwohl deren Geschichten in verschiedenen Ländern Afrikas spielen und sich die Lebensumstände der Protagonisten stark unterscheiden, vereint sie doch der Blick auf denselben Nachthimmel. Andererseits thematisiert das Autorenteam mit dem Leitmotiv des „Sterns über Afrika“, der sechs grundverschiedene Lebenswelten beleuchtet, die Diversität des Kontinents. Sie zeigen, dass der Kontinent eben nicht die homogene Entität ist, als die er gerade aus europäischer Perspektive oft wahrgenommen wird. Afrika gleicht seinem Wesen nach dem Stern, der über ihm leuchtet: Es scheint nur deshalb eine gleichförmige Entität zu sein, weil der Betrachter so weit davon entfernt ist. In den sechs Binnengeschichten zeigt sich jedoch ein facettenreicheres Afrikabild, erzählt von Menschen, die den Kontinent besucht haben bzw. dort leben.

Wie zum Beispiel die Geschichte über das wissensdurstige Tuareg-Mädchen Aisha, in der Analphabetismus und der ständige Kampf um Bildung thematisiert werden, den vor allem viele Mädchen führen müssen, oder die Erzählung über Joseph Omondis Tochter Serah. Ihr Tag ist schon morgens mit so vielen Aufgaben gefüllt, dass sie die neun Kilometer zur Schule rennen muss, um pünktlich zu sein. Ihre Geschichte zeigt nicht nur die Widrigkeiten, denen sich unzählige afrikanische Kinder täglich stellen müssen. Sie ist auch ein bewegendes Exempel für das Potential, das in Kindern steckt, und das nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Die Erzählungen der Protagonisten sind so unterschiedlich wie Afrika selbst. Sie zeigen einerseits die Schönheit und Einzigartigkeit der Länder. Sie lenken andererseits jedoch auch den Blick auf die zahlreichen Probleme wie Armut, Wassermangel und Kriege und sensibilisieren für die vielfältige Arbeit von Hilfsorganisationen. Insgesamt ein lesenswertes Buch, in dem es den Autoren gelingt, die Komplexität des Kontinents auf kindgerechte Weise begreifbar zu machen.

Der besondere Charme des Erzählbandes liegt unter anderem im Anschein von Authentizität, den ihm die Autoren verleihen. Einerseits widmen sie ihr Buch Joseph Omondi, wodurch der leidenschaftliche Geschichtensammler, der die Erzählungen der Nacht auf Kassette festhält, zur realen Person avanciert. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischt das Autorenteam auch am Ende der Rahmenhandlung bewusst. Mit dem nächtlichen Eintreffen zweier Schriftsteller aus Deutschland namens Iris und Tino, die mit einem Ersatzreifen aushelfen, machen sich die beiden Autoren zum Teil ihrer Geschichte. Die fiktiven Charaktere Iris und Tino verbringen mit der Reisegruppe den Rest der Nacht am Lagerfeuer. Am Morgen, als sich die anderen bereits auf den Weg gemacht haben, finden die beiden Schriftsteller auf dem Fahrersitz ihres Jeeps eine Kassette, auf deren Hülle ein Stern gezeichnet ist. So lassen Lemanczyk und TINO den Eindruck entstehen, es handle sich bei ihrem Buch um ein bloßes Transkript der von Joseph Omondi aufgenommenen Geschichten.

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