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The Craft of Style – Teil 4/4

Warum solltest du möglichst konkret schreiben? Und was ist der Reader-Writer-Arc?

Im vierten Modul der Coursera-Spezialisierung “Creative Writing” dreht sich alles um das Handwerk des Stils. Ich habe die Inhalte der letzten Woche für dich zusammengefasst: Warum solltest du möglichst konkret schreiben? Und was ist der Reader-Writer-Arc?

Statt über Ideen, über Konkretes schreiben

With beginning writers one begs for more vivid detail and concreteness at whatever price.

Jamie Gordon

Geschichten vermitteln Ideen, indem sie diese mit konkreten Erfahrungen verknüpfen. Nimm beispielsweise das Wort “Liebe“. Was bedeutet Liebe für dich? Glaubst du, das Wort hatte dieselbe Bedeutung für deine Großmutter? Glaubst du, das Gefühl ist dasselbe zwischen Mann und Frau wie zwischen Vater und Sohn?

Die Fragen machen schnell deutlich: Liebe hat keine wirkliche Bedeutung. Das Wort muss immer definiert werden, denn es ist lediglich ein Konzept. Eine Idee, die kulturell mit Bedeutung aufgeladen wird. In ihren Details sieht Liebe von Land zu Land, von Mensch zu Mensch anders aus.

Genau das macht Ideen spannend. Sie bedeuten für jeden etwas anderes und manchmal haben sie einen Twist: Lieben, obwohl man jemanden hasst. Lieben, obwohl die Gesellschaft dagegen ist. Lieben, weil man frei von den Eltern sein möchte. Willst du also eine Geschichte über die Liebe schreiben, dann wirst du mit einer theoretischen Abhandlung keinen vom Hocker hauen. Geschichten sind nicht der richtige Ort für Konzepte. Dafür gibt es wissenschaftliche Aufsätze.

Geschichten brauchen Körper

Für eine Geschichte brauchst du eine Figur, die mit ihren Erlebnissen eine Vorstellung von Liebe verkörpert. Das Körperliche ist dabei sehr wichtig. Nur mit dem Körper fühlt der Mensch – und nur, indem du diese Gefühle beschreibst, kannst du Mitgefühl in deinen Leserinnen wecken. Konkret schreiben bedeutet also nichts anderes als über das zu schreiben, was (mit den Sinnen) erfahrbar ist. Dazu solltest du möglichst konkrete Wörter (und keine Abstrakta) benutzen.

Der unwiderstehliche Zauber geheimnisvoller Gedanken

Zu Zeiten Tolstojs war der innere Monolog – also ein Gespräch, das eine Figur in Gedanken mit sich selbst führt – angesagt. Seitenweise wurde Leserinnen im Detail verraten, was die Charaktere genau gedacht haben. Ein Beispiel:

Also, sagte Alexej Alexandrowitsch zu sich selbst, sind die Fragen nach ihren Gefühlen und so weiter Fragen, die nur ihr eigenes Gewissen angehen, mit dem ich nicht zu tun habe. Meine eigene Pflicht ist mir klar vorgeschrieben. Als Haupt der Familie bin ich verpflichtet, meine Frau zu leiten, und trage deshalb einen Teil der Verantwortung; ich muß sie auf die Gefahr hinweisen, die ich sehe, ich muß sie warnen und von meiner Macht Gebrauch machen. Es ist meine Pflicht, mit ihr zu sprechen. Und in Alexej Alexandrowitsch ordnete sich alles ganz klar, was er seiner Frau jetzt sagen wollte … aber in seinem Kopf bildete sich trotzdem klar und deutlich wie ein amtlicher Bericht die Form und der Gedankengang der zu haltenden Rede. Ich muß folgendes erwähnen und darlegen: erstens die hohe Bedeutung der öffentlichen Meinung und der Sitte, zweitens die religiöse Bedeutung der Ehe, drittens das Unglück, das für unseren Sohn möglicherweise daraus entstehen kann, und viertens, daß sie sich selber unglücklich macht. Und dabei verschränkte Alexej Alexandrowitsch die Finger und drückte die Handflächen nach unten, daß die Finger in den Gelenken knackten.

Leo Tolstoj: Anna Karenina

Vom inneren Monolog rät Dozent Salvatore Scibona ab – und er ist nicht alleine:

Don’t go into your protagonist’s thoughts until you have something to say about his or her inner life that is more interesting than the reader’s suppositions.

Norman Mailer

Impliziere lieber durch konkrete Handlungen, was deine Figuren fühlen. Zeige im Dialog ihre Haltung zu anderen Figuren. Und respektiere dabei immer den Intellekt deiner Leserinnen. Du brauchst ihnen nicht die Welt zu erklären. Wenn du konkret genug schreibst, sind sie in der Lage die Zwischentöne zu verstehen, ohne dass du sie explizit darauf hinweisen musst. Nichts ist unwiderstehlicher die geheimnisvollen Gedanken deiner Figuren. Der Zauber des Lesens entsteht nicht zuletzt dadurch, dass sich deine Leserinnen ihr eigenes Bild machen. Gute Geschichten schulen die Empathie. Wir erspüren vielmehr als man es uns sagt, weshalb eine Figur so handelt und nicht anders. Die Kunst des Schreibens besteht nun darin, dass das entstehende Bild bei allen Leserinnen sehr ähnlich aussieht.

The Reader-Writer-Arc – oder: der Bogen des Verstehens

Genug zu sagen und nicht zu viel verraten, genau das ist der Spannungsbogen, auf dem sich das Erzählen einer Geschichte abspielt.

Auf der einen Seite des Spannungsbogen steht die Schriftstellerin. Sie möchte eine Geschichte so erzählen, dass sie (in ihrem Sinne) verstanden wird.

Auf der anderen Seite steht die Leserin. Sie möchte die Geschichte verstehen – und das möglichst so, dass sie sich weder zu sehr noch zu wenig dafür anstrengen muss. Muss sie sich zu sehr anstrengen, empfindet sie den Text als ermüdend. Fordert sie der Text zu wenig heraus, wirkt er langweilig. Auf dem Spannungsbogen strebst du daher am besten die goldene Mitte an.

Vergiss nie: Lesen ist ein ebenso aktiver Prozess wie Schreiben. Beim Lesen erschaffen die Lesenden Sinn aus dem, was du schreibst. Es ist daher wichtig, dass du ihnen genug “Futter” gibst, damit sie Sinn erschaffen können. Andererseits ist es auch deine Aufgabe, den Lesenden nicht so viel zu verraten, dass der Akt des Lesens passiv und dadurch langweilig wird.

Schreibpraxis

In der nächsten Schreibübung trainierst du das konkrete Schreiben. Viel Spaß dabei!

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